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Freitag, 28. Dezember 2004 zurück

Sabrina Mockenhaupt

Es ist fast immer dasselbe Spiel: kaum ist Sabrina Mockenhaupt im Ziel, plappert sie los. Ihr Unterhaltungswert ist fast so hoch wie ihre sportliche Entwicklung innerhalb der letzten Jahre. Und selbst wenn sie mal nicht vorne mitläuft, sorgt sie für Schlazeilen. Sabrina Mockenhaupt mischt die Menge auf. Wo die 1,56 Meter große Athletin auftaucht, ist was los. Dass sie als Alleinunterhalterin genauso Talent hat, wie fürs (Lang)Laufen, ist bekannt.

Die junge Frau nimmt in der Regel kein Blatt vor den Mund. In breitem Dialekt des Siegerlandes erzählt sie ohne Punkt und Komma, was sie denkt, was sie mag und was ihr nicht passt. Nach den Olympischen Spielen in Athen, als sie angegriffen wurde, weil sie sich über ihren 15. Platz über 10 000 Meter gefreut hatte, obwohl jeder mehr erwartet hatte, war sie deshalb stinksauer. Dabei hatte sie in Athen ein Trauma überwunden. Denn bei der WM 2003 in Paris war sie erst gar nicht ins Ziel gekommen. Das war ein einschneidendes Erlebnis für die junge Athletin. "Da habe ich mir geschworen, ich werde nie mehr aussteigen. Das habe ich in Athen gemacht und jetzt war es wieder nicht recht", wettert sie. Sie selbst war nicht unzufrieden, ("ich bin keine Hitzeläuferin und dafür war es nicht so schlecht, wie es hinterher dargestellt wurde"), was man ihr hinterher vorwarf.

Doch Sabrina Mockenhaupt war einfach realistisch. "Als ich das Starterfeld gesehen habe, wußte ich, da kann ich schnell 20. oder 25. werden." Deshalb konnte die tempramentvolle Athletin die Vorwürfe auch gar nicht verstehen. Doch auch wenn sie bei den Olympischen Spielen keine Traumplatzierung erreichte, ändert dies nichts an der Tatsache, dass sie Deutschlands beste Langstreckenläuferin ist -von Irina Mikitenko (Frankfurt) einmal abgesehen, die in Athen Sechste über 5000 m wurde. Sabrina Mockenhaupt ist Deutsche Meisterin über 5000 und 10 000 Meter, doch international geht der Zug meistens noch ohne sie ab. Dennoch bleibt die Profiläuferin ziemlich gelassen. "Ich habe mich jedes Jahr verbessert. Solange dies klappt ist alles ok". Beim Sparkassen-Cup will sie versuchen, so lange als möglich Berhane Adere zu folgen, die plant ihren eigenen Weltrekord über 3000 Meter zu verbessern. Dass die Afrikanerinnen so überlegen sind, führt Sabrina Mockenhaupt auf "ihre Gene und ihr Talent zurück".

Über Paula Radcliff, die sie als ihr "großes Vorbild" bezeichnet, sagt sie: "die läuft noch in einer anderen Welt, die mich noch nicht wirklich interessiert". Dass die Britin allerdings auch nur ein Mensch ist, zeigte sich in Athen, als sie im Marathon aufgeben musste. Auch vom Thema Doping lässt sich Sabrina Mockenhaupt nicht abschrecken. "Doping spielt sicher eine Rolle in der internationalen Laufszene, aber ich will mich dazu nicht äußern, dass ist mir zu riskant. Wer nicht erwischt wird, gilt als sauber." Sie selbst will ihren Spaß haben und so laufen, dass sie zufrieden sein kann. "Es ist ja schon nicht gesund, wenn wir manchmal im Training an unsere Grenzen gehen, wenn ich auch noch dopen würde, wäre das fatal." Ihre unkomplizierte, natürliche und heitere Art kommt an. Auch in der Öffentlichkeit.

Sie hat überall ihre Fans, wird von ihnen liebevoll "Mocki" genannt. Als Stefan Raab Deutschlands beste 10 000 Meter-Läuferin nach ihrerm tränenreichen Ausstieg in Paris wochenlang auf die Schippe nahm, tat ihr das zwar weh, allerdings sah sie auch den positiven Aspekt der ganzen Angelegenheit: "So bin ich bei den Fernsehzuschauern wenigstens bekannt geworden."

Auch wenn ihr Auftreten oft ein schmaler Grad zwischen Offenheit und Naivität bedeutet. Denn wer zu offenherzig ist, wird schnell angreifbar. Doch Sabrina Mockenhaupt ist selbstbewußt genug, über solche Kleinigkeiten hinweg zu sehen. "Ich gehe meinen Weg und mache mein Ding". Und sie redet wie ihr der Schnabel gewachsen ist, lacht und bewegt sich gerne. 2004 bekam ihre Karriere großen Aufschwung. Im Sommer war sie bei einigen großen internationalen Rennen vertreten, auch im einen oder anderen Golden-League Meeting. "Je mehr ich gegen große Konkurrentinnen laufe, desto mehr kann ich lernen und provitieren", weiß die zierliche Athletin.

Normalerweise trainiert sie bei Heinz Weber, doch geht die junge Frau aus dem Siegerland auch gerne mit der Truppe von Isabelle Baumann ins Trainingslager. Selbst mit ihrer größten deutschen Konkurrentin, Irina Mikitenko, versteht sie sich ausgezeichnet. "Schade, dass sie meine Gegnerin ist, sonst wären wir sicher richtig gute Freundinnen", bedauerte Sabrina Mockenhaupt, die neben ihrer Begeisterung fürs Laufen eine weitere große Leidenschaft hat: sie tanzt und feiert für ihr Leben gerne. Die Konkurrenzsituation mit der Läuferin von der LG Eintracht Frankfurt schließt aber gelegentliche gemeinsame Trainingseinheiten nicht aus. Zuhause im Siegerland läuft sie in der Regel mit Männern. "Leider sind die mir inzwischen zu langsam", sagt die 1,56 Meter große Läuferin und grinst schelmisch.

Die 24-Jährige hat ihren Karriereplan detailiert im Kopf, weiß inzwischen ganz genau, was sie will. Die Stabsunteroffizierin der Sportfördergruppe der Bundeswehr überlässt nichts dem Zufall. Dass wenige Läuferinnen in Deutschland den Schritt in den Profisport wagen, ist ihr klar. "Das ist riskant, weil es die nötige Unterstützung nicht gibt. Ist die Entscheidung gefallen, dreht sich das ganze Leben ums Laufen. Wie bei ihr. Bei der WM in Helsinki im August 2005 will sie 10 000 Meter laufen, und 2006 plant sie ihren ersten Marathon. "Vielleicht in Köln".

Darin sieht die quirlige Athletin ihre Zukunft. Ihr Credo: sich in einen Rausch laufen, der Spass kommt dann von allein. Ihre Eltern Fred und Hildegard warnen sie regelmäßig vor allzu großer Euphorie. Mutter und Vater Mockenhaupt wissen genau, wovon sie sprechen - sie laufen beide selbst Marathon. "Sie versuchen mich runterzuholen", erzählt die Läuferin, die im Dezember 24 Jahre alt wird. Doch sie läßt sich nicht abschrecken, hat große Pläne. "Ich bin ein Ausdauertalent und noch jung, meine Zeit kommt noch. Und ich will Werbung fürs Laufen machen." Beim Sparkassen-Cup hat sie dazu die beste Gelegenheit.

Ursula Kaiser

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